Über 6 Monate (19.11.2020) ist nun der offizielle Start von Googles Gaming Plattform her, gefürchtet als Konsolen und PC Killer gestartet hat sich gerade Anfang des Jahres eine Ernüchterung eingestellt.

Die größte Aufmerksamkeit erlangte dabei wohl ein Interview mit Strauss Zelnick (CEO Take-Two). Dass den Eindruck vieler Leute in der Branche nochmal neues Feuer gegeben hat:

„The launch of Stadia has been slow. I think there was some overpromising on what the technology could deliver and some consumer disappointment as a result.“

Aus den ersten Ecken kommen schon die Untergangpropheten, die schon von Anfang an wussten das, dass mit Stadia nichts wird. Doch welche Substanz haben diese Aussagen und wie steht es wirklich um das Geschäftsmodell?

Bevor wir uns aber um das Geschäftsmodell kümmern, kommt hier erstmal eine kleine Übersicht über den Markt und die Beteiligten.

Relevante Spieler / Firmen

Google

klar als Betreiber der Plattform

NVIDIA

Ähnliches Produkt mit GeForce Now und Anbieter von einer Key Komponente für PC Systeme / Konsolen „Grafikkarten“ (Konkurrenz zu AMD die aktuell den Vorzug erhalten bei Konsolen)

Anbieter von PC Systemen und Komponenten

NVIDIA, AMD, Gigabyte, ASUS, Corsair, Alienware … Praktisch alle Anbieter die für das Segment „Gaming PC“ Hardware liefern

Content Anbieter

Electronic Arts, Take Two, RIOT, Activision Blizzard ….

Konsolen Anbieter

Microsoft, Sony, Nintendo …

Spieler / Nutzer

Klassisch wird hier in Casual- und Hardcore-Gamern unterschieden. Der größte Unterschied zwischen den beiden Gruppen ist die Intensität der Nutzung. In der Gruppe der Hardcore-Gamer liegt dann häufig auch das Segment der "Glorious PC Master Race" Nutzer. Eine Subkultur die sich primär auf die Überlegenheit von PC Systemen gegenüber Konsolen konzentriert. Vereinfacht kann man diese Gruppe aber auch einer sehr anspruchsvollen Zielgruppe gleichsetzen, die immer das Maximum herausholen wollen, aus ihrem Setup.

Verbindungen

In der Branche sieht man eigentlich alle Ausprägungen aus dem Bereich der Unternehmensstrategien.

Exklusive Deals / Bundles zwischen Anbietern von Content und Plattform. Günstige Angebote für die Konsolen um dann Geld mit den Spielen zu machen. Abo Modelle, Eigenentwicklungen und Erweiterungen der Funktionalitäten um Beispielsweise Konsolen auch als Abspielgeräte für Musik und Film nutzbar zu machen.

Eine Besonderheit ist allerdings die Netzwerkeffekte für Spiele, denn das Netzwerk ist nicht immer offensichtlich. So können für einen Teil der Spiele Leute mit unterschiedlichen Plattformen zusammen dasselbe Spiel spielen. Während andere Spiele Unterscheidungen zwischen Konsole und PC machen und wieder andere es auf das jeweilige Gerät beschränken.

Da eine wachsende Anzahl von Spielen einen Multiplayer teil haben ist, es wichtig zu verstehen, dass der Netzwerkeffekt für manche Spiele eintritt und für andere nicht. Es gilt natürlich zu vermeiden, dass jemand ein Spiel mit anderen spielen will und auf der jeweiligen Plattform nicht genügend Leute sind.

Die Kämpfe

Was für Google Stadia also nun gilt, ist sich in dem aktuellen Umfeld zurechtzufinden. Gelegenheitsspieler tummeln sich gerne um Konsolen, die einen günstigen Preis haben und bei dem Spiele gekauft werden müssen.

Alternativen werden dort aber durch PlayStation Plus und XBOX Game Pass geliefert die Zugriffe auf weitere Spiele kostengünstiger ermöglichen.

Im PC Segment sind GeForce Now von NVIDIA aber auch Shadow anzutreffen, in Planung befindet sich Project Atlas von EA, Project xCloud von Microsoft und sogar Magenta Gaming von der Telekom. So ist der Trend hin zur Gaming-Cloud auch kein ganz neuer.

PC Spieler haben durch Bewegungen wie „Glorious PC Gaming Master Race“ eine Neigung zu High End entwickelt. Entsprechend hoch sind dort Anforderungen an die Qualität. Das Gegenstück bildet dort schon fast das Massenphänomen Fortnite bei dem die Grafik eher Comic / schlicht als auch Systemanforderungen eher gering sind.

Grundsätzlich kann man sagen, dass der Milliarden Markt für Gaming schwer umkämpft ist. Der Trend das sich Beteiligte aus ihrer Kategorie hinausbewegen, um mehr Profit zu generieren ist überall zu erkennen.

Die Sicht von Alphabet

Der Suchmaschinen Riese hat in der Zielgruppe bereits eine Reihe von Produkten von YouTube über Android. Darüber hinaus gibt es eine Vielzahl von ergänzenden Produkten, die den Start von Stadia besonders effizient macht und darüber hinaus Synergien entstehen.

Infrastruktur

Google ist einer der größten Anbieter von Internet Infrastruktur und Datenzentren. Mit der Google Cloud wurden schon vorher Ressourcen an Kunden verkauft, Stadia passt da bereits sehr gut auf die bestehende Infrastruktur.

Geräte

Zum Nutzen von Google Stadia sind weiterhin Geräte notwendig oder es wird zumindest besser durch diese. So liefert Google schon vorher mit Chromecast und Android Produkte die nun mit Stadia verwendet werden können.

Kunden

Auch im Feld der möglichen Kunden ist Google kein neuer, durch Plattformen wie YouTube insbesondere den Teil „YouTube Gaming“ kennt man seine Zielgruppe bereits sehr gut. Wer möchte nicht gleich, nachdem er ein LetsPlay gesehen hat mit einem Knopfdruck im neuen Tab das Spiel selber ausprobieren?

Software / Know-how

Dass Google die technischen Möglichkeiten hat, ist ziemlich unbestritten, aus einer Vielzahl von Bereichen können hier auch Ressourcen gezogen werden. Sei es aus dem YouTube Bereich um die Übertragung / Streaming zu realisieren, oder aus dem Umfeld von Google Pixel / Chromecast / Nest / Home um Peripherie und andere nutzbare Produkte zu entwickeln.

Sonstiges

Weitere positive Aspekte, die man durchaus auf dem Schirm haben, könnte sind beispielsweise die 121 Milliarden Dollar Reserven die Alphabet im letzten Jahr hatte. Das Wissen um SDK/API Entwicklung für Entwickler das sicherlich für die Game Publisher hilfreich sein kann. Die Erfahrungen aus dem Bereich der App Stores über die ja bereits vorher Spiele verkauft worden sind.

Aus dieser Sicht scheint Stadia bereits auf eine Menge zurückgreifen zu können und viele Bereiche scheinen auch selbst, wenn Stadia nicht den Durchbruch schafft von den Bemühungen zu profitieren.

Was in der Liste initial fehlte, war der Bereich der Spiele, eine Schwäche die seitdem aber angegangen wurde. So öffnete in Montreal ende Oktober das erste Studio, für Leute, die etwas weiter weg von dem Thema sind: Montreal hat bereits eine starke Community für Spieleentwickler, so ist dort Ubisoft, Warner Bros, Eidos und Electronic Arts in der Stadt mit Teams vertreten.

Mitte Dezember kam dann der Kauf von „Typhoon Studios“ hinzu (auch Montreal).

Chancen und Risiken

Die Grundlage darf als gut bezeichnet werden, von der Ausgangsvoraussetzung ist sicherlich Google den anderen Beteiligten im Markt einen Schritt voraus. Die Assets die Google schon jetzt hinter sich vereint sind nüchtern betrachtet wertvoller als was andere in diesen Kampf einbringen können.

Doch deswegen alleine muss das Produkt kein Erfolg werden, es ist sicherlich so das die kritische Masse noch nicht erreicht worden ist. Dabei helfen würde es mehr Spiele anbieten zu können. Sicherlich der größte Mangel aktuell, was für Beobachter eigentlich überraschend kommt.

So ist man eigentlich eher davon ausgegangen das Google durch technische Probleme verlangsamt wird. Erfahrungen von anderen Anbietern haben gezeigt das die Steuerung beispielsweise über das Internet das Spielgefühl deutlich trübt. Auch die Datenmenge war immer wieder als Problem genannt worden, hier kommt natürlich aber auch der Breitbandausbau entgegen.

Am Ende befinden wir uns gerade mitten in einem Technologiekampf, sollte Google Stadia diesen für sich entscheiden, werden wir die transformatorischen Kräfte dieser Technologie sehen.

So muss man sich schon fragen für den Bereich der Konsolen warum jemand sich ein Gerät in das Wohnzimmer stellen sollte, wenn es in Zukunft eine App für das Handy oder den Fernseher gibt und man dort immer die neusten Spiele in bester Qualität spielen kann.

Ähnlich verhält es sich für den Bereich Gaming PC, sicherlich kann Stadia nicht die Notwendigkeit ablösen für Arbeitsgeräte. Doch bemüht man sich ja auch dort Berechnungen lieber in der Cloud, als am lokalen PC zu machen. Kosteneffektivität und Zuverlässigkeit schlagen teure Systeme unter dem Tisch, die im schlimmsten Fall ausfallen können.

Die Probleme die Google Stadia zu bewältigen hat aktuell, sind im Vergleich zu den Problemen der Konsolen und der Gaming-PC Branche gering. So sieht man schon jetzt das Google mehr als klar ist was gemacht werden muss. Mehr Content und mehr Nutzer, Geld für Exklusivität und eigene Entwicklung ist vorhanden. Der größte Spiele-Launch 2020 „Cyberpunk 2077“ im September wird neben XBOX / PlayStation und PC nun auch Stadia ermöglichen.

Gratis Monate wie im April gestartet werden neue Nutzer von der technischen Seite überzeugen und spätestens bei der Frage ende 2020, ob die nächste Konsole oder ein Abo mit Stadia werden die Weichen für die Zukunft gestellt.

Es gewinnt nicht immer das beste Produkt, viele Dinge können passieren, die einen massiven Einfluss auf das Geschäftsmodell haben. Doch das die nächste Generation eher auf Google Stadia spielt als auf klobigen PC Systemen oder Konsolen scheint aktuell sehr wahrscheinlich!

Und um die Frage zumindest mal angesprochen zu haben: Ja theoretisch gäbe es für Amazon in diesem Segment auch etwas zu holen. Mit Twitch und der IT-Infrastruktur bewegt man sich dort auf ähnlichem Terrain wie Google. Dank Verkaufszahlen von Spielen und Konsolen, eigenen Angeboten für Spiele Hersteller und deren Anforderungen an Infrastruktur kann man sich das durchaus vorstellen.

Allerdings sehe ich nicht das Amazon dort besser aufgestellt ist aktuell und Google den Eindruck macht es mehr zu wollen. Was häufig nicht zu unterschätzen ist, zumindest wenn man auch sieht das, dass Kernsegment von Google, die Suche, dringend eine Alternative braucht.